Episode 1 – Der Heiratsantrag
Adrian Aebersold gibt der Schale mit den gesalzenen Erdnüssen einen Schubs, so dass sie über die Theke schlittert und erst knapp vor dem Gesicht des bärtigen Betrunkenen zu stehen kommt. Der Kopf des volltrunkenen Koloss liegt schwer auf dem Bartresen und Adrian bezweifelt, dass die Erdnussschale ihn zu wecken vermocht hätte, wäre sie denn weitergerutscht. Der Barmann steht mit dem Rücken zu Adrian und spült die gebrauchten Bierhumpen. Bis auf ein Junkie-Pärchen mit zwei grossen zottigen Hunden ist die Bar leer, niemand hat den Beinahe-Erdnussschale-gegen-Kopf-Crash beachtet. Ärgerlich wischt Adrian mit der Papierserviette das Salz von den Fingern und klopft sich die Erdnusskrümel von den Jeans. Wie oft hat er sich vorgenommen, nicht mehr von den Erdnüssen, die in Bars angeboten werden, zu naschen! Salz macht picklige Haut, zusätzliche Kalorien sind auch nicht unbedingt von Vorteil und nicht zuletzt weiss jedes Kind, wie unhygienisch diese Erdnüsse sind. Man denke nur an die Statistik über Klos und Händewaschen und derartiges. Adrian leert den Rest seines Weissbiers in einem Zug. Es ist das vierte gewesen. So viel zu den Kalorien.
Eigentlich trinkt Adrian ja nicht viel Alkohol und wenn, dann sowieso am liebsten Campari. Aber man bekommt ja auch nicht alle Tage einen solchen Dämpfer, wie er ihn heute hat einstecken müssen. Nur diesen Satz hat sie gesagt. „Da muss ich erst mit der Sabrina drüber reden.“ Mehr nicht. Das ist doch keine Antwort auf einen Heiratsantrag! Gut, er hätte etwas romantischer vorgehen können. Er hätte das mit den Steuervorzügen beim Heiraten zum Beispiel nicht unbedingt sagen müssen. Oder er hätte Blumen mitbringen können statt den überdimensionalen Plastik-Marienkäfer von der Tankstelle. Aber welcher Mann weiss schon, wie ein perfekter Heiratsantrag auszusehen hat?
Adrian klopft mit dem leeren Humpen ungeduldig auf die Theke. Der Barmann schrubbt in aller Seelenruhe ein Glas trocken und sagt, ohne sich umzudrehen: „Kommt sofort.“ Die Uhr im SBB-Look über der Eingangstür der Bar zeigt 20 Minuten nach Mitternacht. Adrian wird wohl zu Fuss nach Hause gehen müssen. Es ist Montag, da fahren nach halb eins keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr vom Hauptbahnhof nach Altstetten. Vielleicht sollte er ohnehin noch heute Abend nach Wollishofen fahren. Da wohnt nämlich die Sabrina. Jene Frau also, deren Meinung für Katrin so unglaublich wichtig ist. Lächerlich wichtig, wie Adrian findet. Aber auch das hätte er heute wohl besser nicht laut gesagt. Manchmal tritt er schon in jedes Fettnäpfchen.
Und dabei ist er doch alles in allem kein schlechter Fang, wie Adrian selber findet. „Adrian Aebersold, ausgebildet als Informatiker und angestellt als Webmanager bei der World Impex Trade Ltd. , Nettolohn Schweizer Franken 8‘300!“ sagt er laut und prostet dem Barmann mit dem eben neu gefüllten Bierglas zu. Dieser wendet sich wieder seinem Abwasch zu, während Adrian weiter seinen Steckbrief vorträgt. „Haarfarbe aschblond, Augenfarbe grün-blau, ein Meter neunundsiebzig gross, Hobbys Saxophon spielen und Mountainbike fahren. Keine Erbkrankheiten bekannt. Einen IQ von…“ Adrian stockt. „Ich habe nie testen lassen, wie hoch mein IQ ist.“ Die Verblüffung in seinem Gesicht ist so echt und rein, wie sie nur Beschwipsten anhaftet. Zum ersten Mal an diesem Abend dreht sich der Barmann ohne Aufforderung zu Adrian um und sagt sanft: „Sie sollten nach Hause gehen. Ihre Freundin wird schon die richtige Entscheidung treffen.“ Adrian nickt stumm, lässt das Bier aus der Umklammerung seiner Finger gleiten und rutscht vom Barhocker.
Als er unter der SBB-Uhr durch die Tür nach draussen tritt, erklingt aus seinem Handy Black Magic Woman. Adrian zieht das Mobiltelefon aus der Hosentasche. Auf dem Display blinkt die Aufschrift „Sabrina Home“.
